Die vom offiziellen Saatgutmarkt verschwundene Weißkohlsorte „Marner Allfrüh“ bildet schon Anfang Juli Köpfe mit einem außergewöhnlich angenehmen Geschmack.

Man kann sich der Frage nach den Vor- und Nachteilen einer industrialisierten, marktwirtschaftlichen Landwirtschaft und Nahrungsproduktion von verschiedenen Standpunkten her nähern. Es gibt dabei diverse Aspekte in den Bereichen Ökonomie, Ökologie, Naturschutz, Gesundheit und Ethik, die durchaus für kontroverse Diskussionen sorgen.

An dieser Stelle soll sich aber auf den privaten Gärtner konzentriert werden, der im Geschäft vor den vielen bunten Samentüten steht und sich überlegt, ob er in seinem Garten nicht auch einmal eigenes Saatgut ziehen könnte.

Für den eigenen Samenbau können nur traditionelle samenfeste Sorten genommen werden, da nur sie sich sortentreu auf natürliche und handwerkliche Weise über Saatgut vermehren lassen. In diesem Sinne sind die industriellen Hybridsorten demgegenüber „Einwegsorten“, deren Saatgut jedes Jahr neu vom Züchter gekauft werden muss.

Wie kann man erkennen, zu welcher Kategorie eine Sorte gehört?

Bei den Hybridsorten steht im Katalog oder auf der Samentüte ein „F1“ hinter dem Sortennamen. Bei den traditionellen Sorten findet man oft Bezüge zur Ursprungsregion (‘Nantaise’, ‘Neckarkönigin’, ‘Teltower Rübchen’ u.v.a.) oder Hinweise auf die Sorteneigenschaften wie Form, Farbe, Geschmack, Anbauperiode, Lagerfähigkeit usw. (‘Blaugrüner Winter’, ‘Rote Kugel’, ‘Zuckertraube’, ‘Wunder der vier Jahreszeiten’, ‘Marner Lagerweiß’ u.v.a.). Sorten mit Fantasienamen sind oft neuere Züchtungen, aber nicht unbedingt Hybriden (wenn nämlich die Bezeichnung ‘F1’ fehlt).

Welche Vorteile bieten samenfeste Sorten?

Hier noch einmal eine kurze Zusammenfassung einiger Vorteile der samenfesten Sorten:
• Nachbaufähigkeit: Neues, sortentreues Saatgut kann Jahr für Jahr auf natürliche, handwerkliche Weise gezogen werden.
• Variationsbreite: Durch eine gewisse genetische Heterogenität (Variabilität) der samenfesten Sorten gibt es Pflanzen mit (leicht) unterschiedlichen Größen und Erntezeitpunkten.
• Anpassungsfähigkeit: Bei regelmäßig wiederholtem Samenbau einer Sorte kann diese sich weiterentwickeln und sich stets neu an sich verändernde Umweltbedingungen (Klima, Boden, Krankheiten, Schädlinge u.a.) anpassen („evolutive Züchtung“).
• Unbedenklichkeit: Im natürlichen Samenbau kommt keine Gentechnik (wie zum Beispiel bei den CMS-Hybriden) zum Einsatz, die die Natur- und Menschengesundheit beeinträchtigen könnten.
• Nahrungsqualität: Gemäß verschiedener Studien weisen regionale traditionelle Sorten tendenziell mehr wertvolle Inhaltsstoffe und ein volleres Aroma als Industriesorten auf (allerdings nicht nur sortenbedingt, sondern auch abhängig von der Kulturführung).

Der Privatgärtner als Erhalter der Nutzpflanzenvielfalt

Auch wenn privater Samenbau durchaus gewisse wirtschaftliche Aspekte hat (Kostenersparnis, Unabhängigkeit etc.), geht es doch – neben der Freude an der Sache – als übergeordnetes Ziel um die Erhaltung von traditionellen, regional angepassten, samenfesten Sorten. Da sie im Bereich des professionellen Samenbaus keinen großen kommerziellen Wert mehr haben, verschwinden sie zusehends vom Markt und machen so mehr und mehr den modernen Industriesorten Platz.

Auf natürliche Weise vermehrbare Sorten werden aber auch in Zukunft wichtig sein für nachhaltige landwirtschaftliche Systeme. Eine wiederholte Kultur und eine regelmäßige Samenernte von diesen Sorten ist dabei ungleich wertvoller als eine bloße Aufbewahrung von Saatgutproben in Gefriertruhen von Genbanken. Durch privaten Samenbau können lebendige Saatgutsammlungen aufgebaut werden, in denen traditionelle Sorten nicht nur erhalten, sondern auch immer wieder neu an sich verändernde Kulturbedingungen angepasst werden können.

Frank Adams, SEED asbl

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